Ernährung durch Diffusion: Das Schwamm-Prinzip
Ein weit verbreitetes Missverständnis ist die Annahme, Gelenkknorpel werde wie Muskeln oder innere Organe über den Blutkreislauf direkt mit Sauerstoff, Glukose und Aminosäuren versorgt. In Wahrheit ist reifer hyaliner Knorpel avaskulär (gefäßlos). Würden Blutkapillaren in die Knorpelschicht einwachsen, würden sie unter den gewaltigen Druckbelastungen des Gehens sofort zerquetscht werden.
Die Knorpelzellen (Chondrozyten) werden stattdessen indirekt ernährt: Sie leben eingebettet in eine feuchte Matrix aus Kollagenfasern und Proteoglykanen und beziehen ihre Nährstoffe ausschließlich aus der Synovialflüssigkeit. Dieser Transport funktioniert nach dem mechanischen Schwamm-Prinzip:
- Bei Entlastung: Der elastische Knorpel dehnt sich wieder aus und saugt frische, nährstoff- und sauerstoffreiche Gelenkflüssigkeit in sein Fasernetzwerk.
- Bei Belastung: Durch den Druck wird verbrauchte Flüssigkeit mitsamt Stoffwechselendprodukten aus dem Knorpel heraus in den Gelenkspalt gepresst.
Bewegungsmangel führt zur Knorpelatrophie
Wird ein Gelenk über längere Zeit ruhiggestellt oder kaum bewegt (beispielsweise durch langes starres Sitzen oder nach einer Gipsbehandlung), stockt dieser hydraulische Austausch. Die Synovialflüssigkeit verliert an Viskosität, und die Knorpelschicht trocknet gewissermaßen aus, verliert an Elastizität und wird dünner. Biomechanisch gilt: Wer rastet, dem mangelt es an Knorpelernährung.